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[Gelesen] Freie Geister von Ursula K. Le Guin

Titelbild Gelesen: Freie Geister von Ursula K. Le Guin

Als ich damit begann bewusst mehr Science Fiction Romane zu lesen, habe ich auch nach wichtigen Autor_innen gesucht, die einiges und vielleicht viel gepriesenes geschrieben haben. So bin ich auf die Autorin Ursula K. Le Guin gestoßen. Die 1929 geborene Autorin schreibt primär Fantasy- und Science Fiction Romane und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Inhalt

Shevek ist Physiker und Bewohner des Planeten Anarres. Die Heimat von Shevek und vielen anderen Bewohner_innen ist karg und unwirtlich, fast lebensfeindlich. Doch das stört nicht, denn Anarres ist der Ort, an dem sie wirklich frei sind. Sie leben anarchistisch: es gibt kein Herrschaftssystem, kein Zwang, keine Unterdrückung und keinen Konsum.

Einmal im Jahr landet ein Raumschiff des Nachbarplaneten Urras auf Anarres, um wertvolle Edelmetalle abzutransportieren. Urras benötigt diese Metalle dringend, damit die Menschen dort ihre Bedürfnisse befriedigen können.

Shevek ist auf seinem Forschungsgebiet weit fortgeschritten und sucht den Austausch mit anderen Wissenschaftler_innen, doch in seiner Heimat findet er diese Kontakte nicht. Schließlich bricht er nach Urras auf, um dort zu forschen und sich mit anderen auszutauschen. Doch die Interessen der Urrasier sind andere und so gerät er zwischen viele Fronten… .

Bewertung

„Freie Geister“ erschien bereits 1974 unter dem Titel „The Dispossessed“ . Frühere Übersetzungen hießen auch: „Planet der Habenichtse“ und „Die Enteigneten“. Die Ausgabe, die ich gelesen habe, erschien Anfang des Jahres und ist eine Neuübersetzung von Karen Nölle. Da ich die älteren Übersetzungen nicht gelesen habe, kann ich diesen Aspekt nicht bewerten.

Teilweise verhielt sich der Roman etwas störrisch, der Zugang zum Geschehen und zu den einzelnen Charakteren fiel mehr schwer. Doch als ich die Hauptpersonen, insbesondere Shevek besser kennen gelernt habe, bin ich in einen angenehmen Lesefluss gekommen. Meine Hartnäckigkeit hat sich gelohnt, denn nur so bin ich über so wunderbare Sätze wie diesen gestolpert:

„Wenn man etwas als Ganzes sehen kann“, sagt er, „erscheint es immer schön. Planeten, Leben … Aber aus der Nähe besteht eine Welt nur aus Schmutz und Gestein. Und das tägliche Leben ist hart, man wird müde, man verliert das Gesamtbild aus dem Blick. Man braucht Abstand, Pausen. Um zu sehen, wie schön die Erde ist, muss man sie als Mond sehen. Um zu sehen, wie schön das Leben ist, muss man es vom Tod her betrachten.“ (S.211)

Die beiden Planeten Urras und Anarres könnten unterschiedlicher nicht sein. Anarres ist herrschaftsfrei und frei von Konsum, d.h. es gibt kein Geld, da niemand Geld benötigt. Jede Bewohner_in kann sich entfalten, erhält ein Zimmer, einen Arbeitsplatz, ausreichend Nahrung und Kleidung. In regelmäßigen Abständen lassen sie sich zum Dienst für die Gemeinschaft einteilen. Feste Rollenbilder von Mann und Frau gibt es nicht. Als Shevek einmal von einem Urrasier gefragt wird, ob es keinen Unterschied zwischen Frauen- und Männerarbeit gäbe, antwortet er folgendermaßen:

„Nein, das wäre eine sehr schematische Basis für die Aufteilung von Arbeit, meinen sie nicht? Ein Mensch wählt seine Arbeit nach Interesse, Begabung und Kraft – was hat das mit Geschlecht zu tun?“ (S. 24)

Auf Urras gibt es verschiedene Staaten mit verschiedenen Herrschaftssystemen. Es gibt reiche und arme Menschen, herrschende und unterdrückte Schichten. Dieser Kontrast macht den besonderen Reiz des Romans aus!

„Freie Geister“ ist mehr als 40 Jahre alt und hat in dieser Zeit keineswegs an Aktualität verloren. Geschlechtsspezifische Rollenbilder, Sinn und Unsinn von Konsum sowie Ausbeutung von Schwächeren sind auch heute aktuelle Themen.

Wer einen Science Fiction-Action-Thriller in Buchform sucht, greift lieber zu einem anderen Titel. Wer in andere Welten eintauchen möchte, gerne mal eine Utopie lesen würde und sich nicht von längeren Gesprächen und Ortsbeschreibungen abschrecken lässt, sollte sich diesen Roman einmal genauer anschauen.

„Freie Geister“ von Ursula K. Le Guin, übersetzt von Karen Nölle – Fischer Tor – ISBN 978-3-596-03535-9 – 14,99 Euro.