Schlagwort: Social Media

Zeitbaustelle – Stand im Januar 2017

Titelbild Zeitbaustelle - Stand im Januar 2017

Heute schreibe ich mal wieder über meine Zeitbaustelle und die letzten Entwicklungen. Ich habe nämlich an der einen oder anderen Schraube gedreht.

Zeitgefühl und die Fragmentierung der Zeit

Meine neue Errungenschaft ist ein Social Media freier Tag pro Woche! Ich nutze an diesem Tag zwar das Internet, lasse die sozialen Netzwerke aber außer vor. Twitter beispielsweise spült regelmäßig Neuigkeiten, Nachrichten und andere Dinge in meinen Tagesverlauf. Diese meist sehr kurzen Texte und Artikel führen dazu, dass ich in einer bestimmten Zeitspanne zahlreiche Themen wahrnehme und verarbeite. Durch diesen Vorgang zerfällt die mir zur Verfügung stehende Zeit zu vielen kleinen Fragmenten. Zudem führt es dazu, dass ich vieles nur sehr oberflächlich lese und die Inhalte kaum reflektiere.
Dieser eine Tag wirkt sehr entschleunigend und es gefällt mir sehr. Das Zeitvergehen fühlt sich länger und ausgedehnter an.

Feierabendgestaltung

Wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, brauche ich erst Mal einige ruhige Momente.  Meistens möchte ich dann auch nur mit einem Tee und einem Buch auf mein Sofa.

Seit ein paar Woche koche ich mein Mittagessen für die Arbeitstage schon am Wochenende und friere es dann portionsweise ein. So stehe ich am Wochenende zwar länger in der Küche, kann mir jedoch den Luxus eines ruhigen Feierabends gönnen.

Planung & Organisation

Ich dachte, ich würde meinen Alltag recht gut planen und organisieren. Allerdings habe ich oft sehr großzügig geplant und die benötigte Zeit für einzelne Aufgaben definitiv unterschätzt. Trotz vieler erledigter Dinge, blieb ein Gefühl der Unzufriedenheit zurück.

Inzwischen schreibe ich mir auf, was ich an welchem Tag der Woche erledigen möchte. In den Feierabend lege ich mir nur einzelne, nicht zu aufwendige Aufgaben, für die ich nicht meine volle Konzentration benötige. Die habe ich nämlich meistens schon im Büro verbraucht. Ein bisschen Disziplin hilft. Ich sage mir gern, dass ich diese oder jene Aufgabe gerade erledige und dann zu meinem Buch auf mein Sofa gehen kann.

Zusätzlich ergänze ich dieses System durch Sachen, die ich im jeweils kommenden Montag gerne machen möchte. Das sind nicht nur lästige To-Do-Elemente, sondern auch schöne Unternehmungen. 🙂

Sachen sein lassen

Im letzten halben Jahr stellte ich fest, dass ich nicht genügend freie Zeit für meine Hobbies hatte. Es hat mich unzufrieden gemacht, eigentlich Sachen machen zu wollen und sie dann doch nicht zu machen. Und das über längere Zeiträume hinweg.

Die meisten Bücher über Acryl-Malerei habe ich inzwischen weggegeben und die meisten Farben der Tochter einer Kollegin geschenkt. Als ich es nochmal probiert habe, hat mir das Malen keine Freude mehr bereitet. Es fühlte sich gut an diese Dinge loszulassen.

Es fiel sehr viel schwerer die Schwedisch-Lernmaterialien loszulassen. In einem anderen Kontext hätte ich die Sprache weiterhin lernen wollen. Meine bisherige Sprachlernerfahrung hat mir gezeigt, dass ich eine Fremdsprache am besten durch ein Sprachbad lerne, d.h. in dem Land, in dem die Sprache gesprochen wird. Grammatikübungen in einem VHS-Kurs zum Feierabend haben bei mir bisher nicht zum gewünschten Lernerfolg geführt. Jetzt lernen andere Menschen mit meinen Büchern!

Was mir das gebracht hat? Mehr Ruhe im Kopf! Ich denke jetzt nicht mehr so oft, eigentlich wollte ich noch… .

[Gelesen] Reclaiming Conversation – The Power of Talk in a Digital Age von Sherry Turkle

Titelbild Besprechung Reclaiming Conversation

Unser Umgang mit dem Internet, den sozialen Medien und den neuen smarten Geräten ist ein heißes Thema. Sprechen wir darüber, brausen viele schnell auf. Eine Gruppe hasst alles Digitale und die anderen lieben das digitale Universum! Vermutlich übertreibe ich, dennoch hat schon so manches Gespräch oder auch die ein oder andere Talk-Show diesen Eindruck bei mir hinterlassen. Trotzdem kommen wir nicht drumherum uns zu fragen, wie wir mit diesen Medien umgehen wollen, was die mit uns oder unserer Gesprächskultur machen.

Inzwischen sind zahlreiche Bücher zu diesem Themenkomplex erschienen. Den Titel „Reclaiming Conversation – The Power of Talk in a Digital Age“ von Sherry Turkle möchte ich dir heute genauer vorstellen. Seit ca. 30 Jahren beschäftigt sich Sherry Turkle mit der Beziehung, die zwischen Mensch und Technologie entsteht, wenn Menschen diese Technologie nutzen. Es klingt vielleicht etwas seltsam mit einem toten Gegenstand eine Beziehung einzuegen, der Gedanke wird bei genauerer Betrachtung nachvollziehbarer. Gegenstand ihrer  Forschung sind nicht nur die neueren Entwicklungen – wie Smartphone, soziale Medien, etc. –  sondern auch Roboter und ihre Wirkung auf Menschen. Höre ich „Roboter“, denke ich eher an Science-Fiction, Massenproduktion oder R2D2. Das Haustierspielzeug „Furby“ war auch irgendwie ein Roboter. Kinder der 90er erinnern sich vielleicht.

Inhalt, Bewertung & Meinung

Mittelpunkt aller Kapitel ist die Gesprächskultur in der Familie, unter Freunden oder auch am Arbeitsplatz. Mithilfe eines Zitats von Henry David Thoreau aus „Walden oder das Leben in den Wäldern“ baut die Autorin ihr Buch auf:

„I had three chairs in my house; one for solitude, two for friendship, three for society.“

Das Kapitel „Solitude“ beschäftigt sich mit der menschlichen Fähigkeit allein zu sein, sich selbst und die Welt zu reflektieren und dadurch zu tiefgreifenden Erkenntnissen zu kommen. Heute fehlt diese Zeit oft – entweder verlangt das Smartphone unsere Aufmerksamkeit oder wir füllen mit Netzinhalten jeden freien Augenblick. Für Turkle ist die Fähigkeit sich selbst zu sammeln, Voraussetzung für die Entwicklung des Selbstbewusstseins und der Fähigkeit zur Empathie. Wer sich seines Selbst bewusst ist und empathisch handelt, dem stehen Gespräche offen, die einen wiederum näher zu sich selbst bringen sowie Herz & Seele singen lassen. Da Solitude eins meiner Worte für dieses Jahr ist, hat mir das Lesen diesen Kapitels sehr viel Freude bereitet.

“The capacity for solitude makes relationships with others more authentic. Because you know who you are, you can see others for who they are, not for who you need them to be. So solitude enables richer conversation.”  (S. 46)

Der zweite Stuhl steht für die Bereiche Familie, Freundschaft und die romantische Liebe. In diesem Kapiteln las ich von Familien, die nur noch mithilfe von Textnachrichten streiten, um nicht von Gefühlen abgelenkt zu werden. Ich las von Kindern, deren Eltern sich mit ihrem Smartphone beschäftigten anstatt ihren Kindern zuzuhören. Dieselben Kinder suchen Problemlösungen lieber im Internet als sich ihren Eltern anzuvertrauen. Soziale Aktivitäten ohne digitale Unterbrechung scheinen unmöglich. Die online Welt durchdringt die offline Welt und fragmentiert sie. Vieles passiert gleichzeitig, was es unmöglich macht, fortdauernd in der Gegenwart präsent zu sein. Wenn die Realität vieler Familien und Freundschaften wirklich so ist, gibt es da ein Problem. Kleben die eigenen Augen immer am Bildschirm, vergessen wir unseren Mitmenschen in die Augen zu schauen. Kommunikation geht sowieso schnell schief! Beschränken wir uns auf Textnachrichten, um unsere Beziehungen und Freundschaften zu pflegen, gehen viele Zwischentöne verloren.

“In person, we have access to the message carried in the face, the voice and the body.”  (S. 23)

Der dritte Stuhl „Society“ umfasst Bildung und Arbeit – in beiden Feldern sind Computer und der Internetzugang kaum noch wegzudenken. Das Kapitel zur Bildung hat mich teilweise überrascht, so hat Turkle beispielsweise einen Unterschied bei handgeschriebenen und getippten Vorlesungsmitschriften festgestellt. Wer tippt, schreibt eher wörtlich auf, was doziert wurde. Wer mit der Hand schreibt, beschäftigt sich stärker mit dem Inhalt und den eigenen Gedankengängen.
In vielen Büros wird immer stärker auf digitale Kommunikation gesetzt. Manche Unternehmen haben gar keine Büroräume mehr – die Mitarbeiter_innen erledigen ihre Arbeit dort wo sie wohnen. Zahlreiche E-Mails und Videokonferenzen, in denen niemand wirklich zuhört, scheinen das Ergebnis zu sein. Mich irritierten diese Beschreibungen – ich arbeite gerne mit anderen Menschen zusammen, frage nach Lösungen oder was sie von Idee X oder Y halten. Diskutieren wir offen, spielen mit unseren Gedanken, kommen wir oft zu Lösungen, an die eine Person alleine gar nicht gedacht hätte. Wer mit den Kolleg_innen in direktem Kontakt stehen möchte und Raum für kreative Gespräche schaffen möchte, findet in diesem Kapitel garantiert Stoff für die Argumentation!

Am Ende des Buches wirft Sherry Turkle noch einen Blick in die Zukunft. Hierbei bezieht sie nicht nur auf die aktuelle Situation, sondern berücksichtigt auch ihre bisherigen Erkenntnisse mit ein. Mir war das teilweise zu viel und durch manche Passagen habe ich mich quasi durchgekämpft. Hängengeblieben aber ist dies: sitzen wir alleine vorm Bildschirm, beurteilen wir diese Situation als privat, obwohl unser Surfverhalten vermutlich getrackt wird und unsere Nutzungsdaten von Algorithmen ausgewertet werden. Gleichzeitig braucht es private Räume, in denen wir unsere Ideen und unser Selbst entwickeln können, um letztendlich tiefe und bereichernde Gespräche zu führen. Sherry Turkle verdeutlicht wie schützenswert und wertvoll diese Räume und Zeiten sind!

Abschließende Gedanken

Sherry Turkle schreibt niemals mit erhobenem Zeigefinger. Sie kritisiert, begründet ihre Kritik, erklärt Hintergründe und Auswege. Es geht nicht darum, gänzlich auf das Internet & Co. zu verzichten. Es geht um unser Verhalten und unseren Umgang mit diesen Technologien. Damit wir das richtige Maß finden, brauchen wir Zeit zur Reflexion, Alltagsexperimente und auch einen Austausch über die Thematik. „Reclaiming Conversation“ bietet eine große Bandbreite an Aspekten. Je nach Lagerung der Interesse lesen sich manche Kapitel schneller und manche langsamer. Wer sich für dieses Thema interessiert, findet in diesem Titel  zahlreiche Hintergrundinformation und Anregung zur Reflexion des eigenen Verhaltens. Für mich hat sich die Lektüre gelohnt!

Mehr zum Thema

Bereits auf Deutsch erschienen ist „Verloren unter 100 Freunden – Wie wir in der digitalen Welt seelisch verkümmern“ von Sherry Turkle – Riemann – ISBN 978-3-641-08792-0 – 15,99 Euro.

„Reclaiming Conversation – The Power of Talk in a Digital Age“ von Sherry Turkle – Penguin Press – ISBN 978-1-10198-046-0 – ca. 13,00 Euro.