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Gelesen im Juli 2017

Im Juli habe sechs Bücher gelesen, darunter war auch eine Science Fiction-Jugendbuch-Trilogie. Ein Titel taucht in dieser Liste nicht auf, da ich Unorthodox von Deborah Feldman schon ausführlicher besprochen habe. Es ist ein bewegender Bericht einer jungen Frau, die sich aus einer sehr strengen jüdischen Gemeinde befreit. Wirklich sehr lesenswert!

Bild mit Büchern

The Miniaturist von Jessie Burton
Inhalt:
Amsterdam, 17. Jahrhundert. Die 18-jährige Nella wird mit dem Händler Johannes Brandt verheiratet. Nella selbst kommt vom Land und ist gespannt auf das Leben als Ehefrau eines wohlhabenden Mannes in der reichen Stadt Amsterdam. Doch als sie in der Herrengracht ankommt, wird sie alles andere als herzlich begrüßt: Johannes ist auf Reisen und seine Schwester zeigt ihr die kalte Schulter.
Schließlich versucht sie mehr über ihren Ehemann zu erfahren und spürt dabei das ein oder andere Geheimnis der Familie auf.
Kurzbewertung: Ehrlich gesagt hat mich der deutsche Titel „Die Magie der kleinen Dinge“ in die Irre geführt. Ich habe einen Roman mit weitaus mehr fantastischen Elementen erwartet, ich war daher etwas enttäuscht als sich „The Miniaturist“ als historischer Roman entpuppte. Wer Freude an solchen Werken hat, dem könnte dieser Roman durchaus sehr gut gefallen!

Stay with me von Ayọ̀bámi Adébáyọ̀
Inhalt:
Nigeria Ende der 1980er und Anfang  der1990er Jahre. Yejide und Akin sind bereits einige Jahre verheiratet und wünschen sich nichts sehnlicher als ein Kind. Doch Yejide wird nicht schwanger! Sie ist zu fast allem bereit: sie lässt zahlreiche medizinische Untersuchungen über sich ergehen und nimmt erschöpfende Pilgerreisen auf sich. Die Schwangerschaft bleibt aus und die Verwandten ihres Mannes werden langsam ungeduldig. Sie wählen daraufhin eine zweite Ehefrau für Akin aus, die der Familie endlich den gewünschten Nachwunchs bescheren soll.
Bewertung: Ein spannender und überraschender Roman, der in keinster Weise vorhersehbar ist. Im Grunde ist es eine Geschichte darüber, was passiert, wenn alle immer nur das Beste für einen wollen. Gleichzeitig versuchen alle möglichst die Erwartungen der anderen zu erfüllen, obwohl sie das nicht können und rutschen so immer tiefer in die Verzweiflung. Erhellend!

Bild mit Büchern

The 5th Wave, The Infinite Sea und The Last Star von Rick Yancey
Diese Sience Fiction-Jugendbuch-Trilogie habe ich am Stück gelesen, um nicht zu viel zu verraten beziehe ich mich hier primär auf den ersten Band.
Inhalt: Cassie ist eine normale Jugendliche. Sie geht zur High School, trifft sich mit Freundinnen und schwärmt seit der dritten Klasse mehr oder weniger heimlich für Ben. Dieser Normalität endet abrupt als eines Tages ein außerirdisches Raumschiff über der Erde auftaucht. Die Menschheit bangt und hofft, dass die außerirdischen Lebewesen ihnen freundlich gesonnen sind. Als die ersten Angriffswellen über die Menschheit rollen wird die Absicht immer klarer: die Menschheit soll vernichtet werden.
Cassie flieht mit ihrem Bruder und Vater, doch als sie von ihnen getrennt wird, ist sie auf sich allein gestellt. Ist sie sicher? Wem kann sie noch vertrauen? Wird sie ihren Bruder je wieder sehen?
Bewertung: Gerade der erste Band ist sehr spannend und schwer aus der Hand zu legen. Band zwei und drei haben einige Kapitel, die sich etwas in die Länge ziehen und es dauert etwas, bis wieder viel passiert. Teilweise war ich beim Lesen genauso verwirrt wie die Protagonisten und habe mich gefragt, wer ist denn jetzt der wirkliche Gegner ist.
Wer gerne dystopische Jugendromane liest, sollte sich diese drei Bände mal genauer anschauen.

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[Gelesen] Unorthodox von Deborah Feldman

Titelbild Unorthodox Deborah Feldman

Ich lese gerne Geschichten, egal ob rein fiktiv oder aus der Realität geboren, die mir von Menschen erzählen, die tiefgreifende Transformationsprozesse erleben oder irgendetwas erleben und dieses Erleben reflektieren, und darauf aufbauend weiter gehen, lernen und sich immer (noch) auf das Leben einlassen. Geschichten von Menschen, die das Leben von innen, von außen, von oben und von unten betrachten und die gleichzeitig, etwas in mir selbst zum Klingen bringen.

Deborah Feldman hat mit Unorthodox ein Buch geschrieben, das in diese Kategorie fällt. Sie wächst in einer der weltweit strengsten jüdisch-orthodoxen Gemeinden in Williamsburg, New York auf.  Die Mitglieder der Satmar Gemeinde leben streng nach ihren eigenen Regeln, sie schotten sich von der restlichen Gesellschaft ab und leben in ihrem eigenem System. So werden Ehen arrangiert, wobei sich die Frau gänzlich dem Willen des Mannes beugen muss. Auch Sexualität ist ein absolutes Tabuthema. Sie sprechen Jiddisch, da Englisch als unreine Sprache gilt.

„Zeidi sagt, die englische Sprache wirke wie ein langsames Gift auf die Seele ein. Sollte ich sie zu viel sprechen oder lesen, würde meine Seele derart trüb werden, dass sie nicht länger für göttliche Reize empfänglich wäre.“ (S. 110)

Im Grunde dreht sich der gesamte Alltag der Gemeindemitglieder darum Gott durch regelkonformes Verhalten gnädig zu stimmen, Unreinheit zu vermeiden bzw. rein zu werden.

Da Deborah Feldmans Eltern nicht für ihre Tochter sorgen können, wächst sie bei ihren Großeltern Zeidi und Bubby auf. Beide sind Holocaust-Überlebende, was das Aufwachsen für die Autorin nicht unbedingt einfacher macht. Im Vergleich zum erlebten Leid ihrer Großeltern, erscheinen ihr ihre Probleme als nahezu nichtig.

Gleichzeitig entwickelt die Autorin eine offene Neugier auf das Leben und seine Hintergründe. Auch wenn sie ihre Fragen und Gedanken nicht laut aussprechen darf, existieren sie in ihrem Kopf. Heimlich besorgt sie sich verbotene Literatur aus der Bücherei oder spart monatelang, um sich ein Buch zu leisten. Sie liest Geschichten und Sachbücher über das Judentum. Zuhause darf sie niemand mit diesen Büchern erwischen. Trotz dieser Gefahr bedeutet ihr diese Rückzugsmöglichkeit sehr viel, wo dieser gedankliche Raum doch der Motor ihrer Emanzipation ist.

„Ich bin machthungrig, aber nicht, um über andere zu herrschen; nur, um mir selbst zu gehören.“ (S. 108)

Bewertung

Als Leser_in begleitet man Deborah Feldman durch ihre Kindheit und Jugend, durch die schwierigen Jahre ihrer arrangierten Ehe und auf ihrem Weg in ein Leben außerhalb der Gemeinde.  Deborah Feldman schildert Höhen und Tiefen, erzählt von Rückschlägen und untermauert ihren Lebenslauf mit Informationen, die helfen, das System der Satmarer zu verstehen.

Mich hat es überrascht, dass Deborah Feldman und ich ungefähr gleich alt sind. Beim Lesen habe ich oft daran gedacht, was ich zur gleichen Zeit erlebt habe. Vielleicht bin ich naiv, aber ich hätte es vor der Lektüre von Unorthodox nicht für möglich gehalten, dass es  wirklich möglich ist, so abgeschottet von der Gesellschaft und ihres Einflusses zu leben. „Unorthodox“ hat mich beeindruckt und sehr bewegt. Es war nicht immer leicht, das Buch zu lesen und doch hat es sich eindeutig gelohnt.

„Unorthodox – eine autobiographische Erzählung“ von Deborah Feldman, Übersetzung von Christian Ruzicska – Secession Verlag – ISBN 978-3-905951-79-0 – 22,00 Euro.

Gelesen im Mai 2017

Ich habe meinen Monatsrückblick und meine Gelesen-Zusammenfassung getrennt, da meine Rückblicke je nach Anzahl der gelesenen Büchern, etwas lang, sperrig und unübersichtlich geworden sind. Ich glaube, mir gefällt diese Variante sehr gut.
Im Mai habe ich fast nur Bücher gelesen, die mir gut gefallen haben. Bis auf eine Ausnahme! Mit der fange ich am Besten gleich mal an.


Harry Potter and the Cursed Child – Parts one and two
Inhalt: Harry Potter steht inzwischen fest im Berufsleben, die Menge der Aufgaben überfordert ihn etwas. Er ist glücklich mit Ginny verheiratet und hat drei Kinder. Leider ruht seine ruhmreiche Vergangenheit nicht, sondern spielt auch in der Gegenwart immer wieder eine Rolle.
Bewertung: Auf den ersten Seiten war es ein schönes Wiedersehen mit geliebten Charakteren. Doch dann fragte ich mich beim Lesen immer wieder: „Ernsthaft?“. Betrachte ich das Theaterstück seperat, dann mag die Geschichte funktionieren. Aber als achter Harry Potter-Band? Es hat mir überhaupt nicht gefallen.

Eine Buchhandlung auf Reisen von Christopher Morley
Die Vorgeschichte von „Das Haus der vergessenen Bücher“
Inhalt:
Roger Mifflin ist ein fahrender Buchhändler in New England. Da er schon seit einer Weile davon träumt selbst ein Buch zu schreiben, möchte er seinen Bücherwagen samt Pferd, Hund und Inhalt verkaufen. Er findet schließlich eine Käuferin. Helen McGill übernimmt das Geschäft, doch Roger Mifflin kann sich nur schwer trennen …
Bewertung: Ein Wohlfühlroman über die Liebe zwischen zwei Menschen und die Liebe zur Literatur.

Americanah von Chimamanda Ngozi Adichie
Inhalt:
Ein Roman über Migration, Gesellschaft, Rassismus und Liebe, der in Nigeria, den USA und Großbritannien spielt. Die Hauptpersonen Ifemelu und Obinze lernen sich schon während der Schulzeit kennen und werden ein Paar. Leider trennen sich ihre Wege als Ifemelu ein Visum für die USA erhält, um dort ihr Studium fortzusetzen.
In den USA angekommen ist sie mit einer anderen Kultur und zum ersten Mal in ihrem Leben auch mit Rassismus konfrontiert. In Nigeria, zuhause, war sie eine von vielen. In den USA fällt sie durch ihre Hautfarbe auf. Sie arrangiert sich, lernt ‚die richtigen‘ Menschen kennen und bloggt über ihre Erfahrungen.
Als sie einige Jahre später nach Nigeria zurückkehrt, muss sie sich erst wieder an ihre Heimat gewöhnen. Es hat sich viel verändert. Und was ist mit Obinze? Können die beiden sich wieder annähern und lieben sie sich noch immer?
Bewertung: Absolut lesenswert! Eindringlich, augenöffnend und horizonterweiternd. Die Autorin sensibilisiert für politische und gesellschaftliche Themen, die mir vor der Lektüre des Romans nicht unbedingt aufgefallen wären. Die Innenschau als auch die Reflexion der gesellschaftlichen Themen erschienen tiefsinnig, fundiert und nachvollziehbar.

Eine englische Ehe von Claire Fuller
Inhalt:
Floras Mutter Ingrid verschwindet als Flora noch ein Kind war. Lebt sie noch? War es ein Suizid? Zwölf Jahre später ist Floras Vater Gil überzeugt, Ingrid in der Stadt gesehen zu haben. Angefixt von diesem Ereignis begibt sich Flora auf Spurensuche.
Als Ingrid Gil kennenlernte, war sie eine ambitionierte Studentin mit großen Träumen und er ihr charmanter, attraktiver Literaturprofessor. Als Ingrid schwanger wird, heiratet sie Gil und gibt ihre Träume auf. Gil betrügt Ingrid unzählige Male. Ingrid schreibt ihm Briefe an ihren Mann und versteckt die Briefe in seinen Büchern.
Flora könnte so viel über ihre Mutter erfahren, würde sie nur die Briefe finden.
Bewertung: Ein Roman, der mich gleich zu Beginn in seinen Bann gezogen hat. Ich wollte ganz und gar in die Geschichte eintauchen und mich quasi damit zudecken. Die Autorin schafft mir ihrer Sprache eine dichte Atmossphäre mit feinen Zwischentönen. Eine traurig, tragische Geschichte über Liebe, Beziehung und Familie.

Außerdem habe ich noch „Lyrebird“ von Ceclia Ahern gelesen.

[Gelesen] Freie Geister von Ursula K. Le Guin

Titelbild Gelesen: Freie Geister von Ursula K. Le Guin

Als ich damit begann bewusst mehr Science Fiction Romane zu lesen, habe ich auch nach wichtigen Autor_innen gesucht, die einiges und vielleicht viel gepriesenes geschrieben haben. So bin ich auf die Autorin Ursula K. Le Guin gestoßen. Die 1929 geborene Autorin schreibt primär Fantasy- und Science Fiction Romane und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Inhalt

Shevek ist Physiker und Bewohner des Planeten Anarres. Die Heimat von Shevek und vielen anderen Bewohner_innen ist karg und unwirtlich, fast lebensfeindlich. Doch das stört nicht, denn Anarres ist der Ort, an dem sie wirklich frei sind. Sie leben anarchistisch: es gibt kein Herrschaftssystem, kein Zwang, keine Unterdrückung und keinen Konsum.

Einmal im Jahr landet ein Raumschiff des Nachbarplaneten Urras auf Anarres, um wertvolle Edelmetalle abzutransportieren. Urras benötigt diese Metalle dringend, damit die Menschen dort ihre Bedürfnisse befriedigen können.

Shevek ist auf seinem Forschungsgebiet weit fortgeschritten und sucht den Austausch mit anderen Wissenschaftler_innen, doch in seiner Heimat findet er diese Kontakte nicht. Schließlich bricht er nach Urras auf, um dort zu forschen und sich mit anderen auszutauschen. Doch die Interessen der Urrasier sind andere und so gerät er zwischen viele Fronten… .

Bewertung

„Freie Geister“ erschien bereits 1974 unter dem Titel „The Dispossessed“ . Frühere Übersetzungen hießen auch: „Planet der Habenichtse“ und „Die Enteigneten“. Die Ausgabe, die ich gelesen habe, erschien Anfang des Jahres und ist eine Neuübersetzung von Karen Nölle. Da ich die älteren Übersetzungen nicht gelesen habe, kann ich diesen Aspekt nicht bewerten.

Teilweise verhielt sich der Roman etwas störrisch, der Zugang zum Geschehen und zu den einzelnen Charakteren fiel mehr schwer. Doch als ich die Hauptpersonen, insbesondere Shevek besser kennen gelernt habe, bin ich in einen angenehmen Lesefluss gekommen. Meine Hartnäckigkeit hat sich gelohnt, denn nur so bin ich über so wunderbare Sätze wie diesen gestolpert:

„Wenn man etwas als Ganzes sehen kann“, sagt er, „erscheint es immer schön. Planeten, Leben … Aber aus der Nähe besteht eine Welt nur aus Schmutz und Gestein. Und das tägliche Leben ist hart, man wird müde, man verliert das Gesamtbild aus dem Blick. Man braucht Abstand, Pausen. Um zu sehen, wie schön die Erde ist, muss man sie als Mond sehen. Um zu sehen, wie schön das Leben ist, muss man es vom Tod her betrachten.“ (S.211)

Die beiden Planeten Urras und Anarres könnten unterschiedlicher nicht sein. Anarres ist herrschaftsfrei und frei von Konsum, d.h. es gibt kein Geld, da niemand Geld benötigt. Jede Bewohner_in kann sich entfalten, erhält ein Zimmer, einen Arbeitsplatz, ausreichend Nahrung und Kleidung. In regelmäßigen Abständen lassen sie sich zum Dienst für die Gemeinschaft einteilen. Feste Rollenbilder von Mann und Frau gibt es nicht. Als Shevek einmal von einem Urrasier gefragt wird, ob es keinen Unterschied zwischen Frauen- und Männerarbeit gäbe, antwortet er folgendermaßen:

„Nein, das wäre eine sehr schematische Basis für die Aufteilung von Arbeit, meinen sie nicht? Ein Mensch wählt seine Arbeit nach Interesse, Begabung und Kraft – was hat das mit Geschlecht zu tun?“ (S. 24)

Auf Urras gibt es verschiedene Staaten mit verschiedenen Herrschaftssystemen. Es gibt reiche und arme Menschen, herrschende und unterdrückte Schichten. Dieser Kontrast macht den besonderen Reiz des Romans aus!

„Freie Geister“ ist mehr als 40 Jahre alt und hat in dieser Zeit keineswegs an Aktualität verloren. Geschlechtsspezifische Rollenbilder, Sinn und Unsinn von Konsum sowie Ausbeutung von Schwächeren sind auch heute aktuelle Themen.

Wer einen Science Fiction-Action-Thriller in Buchform sucht, greift lieber zu einem anderen Titel. Wer in andere Welten eintauchen möchte, gerne mal eine Utopie lesen würde und sich nicht von längeren Gesprächen und Ortsbeschreibungen abschrecken lässt, sollte sich diesen Roman einmal genauer anschauen.

„Freie Geister“ von Ursula K. Le Guin, übersetzt von Karen Nölle – Fischer Tor – ISBN 978-3-596-03535-9 – 14,99 Euro.

[Gelesen] The Art of Asking von Amanda Palmer

Titelbild [Gelesen] The Art of Asking

The Art of Asking: Wie ich aufhörte, mir Sorgen zu machen und lernte, mir helfen zu lassen“ ist bereits einige Male begeistert in meiner Internetblase besprochen worden. Der Titel stand schon länger auf meiner Wunschliste, doch gekauft hatte ich das Buch bisher nicht. Letzten Monat habe ich es dann zufällig in der Onleihe entdeckt und gleich vorgemerkt.

Inhalt

Amanda Palmer schreibt über das Bitten. Es fällt uns in der Regel schwer um Hilfe zu bitten, da wir nicht schwach oder bedürftig erscheinen möchten. Amanda Palmer arbeitete zunächst unter anderem als lebendige Statue bevor sie ihre Karriere als Musikerin begann.
Sie pflegt einen engen Kontakt zu ihrer Fangemeinschaft – zu Beginn mit Hilfe diverser E-Mail Listen und später durch die unterschiedlichen sozialen Netzwerke. Sie hat ihre Fans schon um Übernachtungsmöglichkeiten und Verpflegung auf Tour gebeten und hat letztendlich ein ganzes Album durch Crowdfounding finanziert.

Die Basis des Buchs ist ihre eigene Lebenserfahrung. Sie beschreibt, sie das Bitten und Hilfe annehmen gelernt hat. Zudem betont sie, dass nicht nur die Person, die Hilfe erhält durch dieses Tat gewinnt. Eine Bitte ist ein Vertrauensangebot an eine andere Person. Wer das Wagnis eingeht, sich verletzlich zu zeigen, zeigt das sie_er vertraut und in einer Beziehung mit der anderen Person steht, wodurch Gemeinschaft entsteht.

Bewertung & weiterführende Gedanken

Ehrlich gesagt, waren meine Erwartungen an das Buch ganz andere! Ich hätte gedacht, die Autorin untermauert ihre Erfahrungen und Erkenntnisse sehr viel stärker mit Fakten oder Daten aus der Soziologie, Psychologie oder Philosophie.
Das war nicht der Fall. Ich habe allerdings einiges über Amanda Palmer als Künstlerin, über ihren Lebenslauf und ihre Beziehungen zu anderen Menschen erfahren. Phasenweise langweilten mich die Erzählungen über diverse Tourneen und Musiker_innenprobleme. Nach ca. 100 E-Book Seiten überlegte ich ernsthaft die Lektüre vorzeitig abzubrechen. „The Art of Asking“ ist kein literarisches Meisterwerk und doch hat es mir wertvolle Impulse gegeben. Besonders die Essenz des Buches hat mich nachdenklich gestimmt. Ich habe mich gefragt, ob ich um Hilfe bitte und wie sich dieses Bitten für mich eigentlich anfühlt. Ich bin zu der Erkenntnis gekommen, dass ich ungern um Hilfe bitte. Es fühlt sich einfach zu unangenehm an. Warum ist das so?

Ich denke, es hat mit einem (eingebildeten?) Machtgefälle zu tun. Als Person, die um Hilfe bittet, fühle ich mich bedürftig, schwach, nicht selbstständig oder untüchtig. Die Person, die mir die Hilfe gibt, verkörpert Stärke, Einfluss und Macht. Ich möchte selbstbestimmt leben, also verzichte ich vielleicht eher auf XYZ oder spare bis ich XYZ kaufen kann.

Das funktioniert nicht! Gerade im Hinblick auf den Minimalismus und die damit verwandten Themen wie Postwachstumsökonomie, gemeinschaftliches gärtnern, Repair Cafés, nachbarschaftliche Hilfe, usw. Zentraler Bestandteil dieser Gesellschaftsidee ist die Gemeinschaft, die sich gegenseitig hilft und unter die Arme greift. Wenn wir wollen, dass das funktioniert, sollten wir versuchen die inneren Bilder von Machtgefällen Schritt für Schritt loszulassen. Amanda Palmer berichtet in ihrem Buch ebenfalls darüber, wie es ihr gelang, diese verinnerlichten Vorstellungen zu überwinden und sich auf Hilfe einzulassen.

Ich möchte nicht predigen oder ermahnen, sondern zuallererst üben, selbt zu bitten und zu üben, darauf zu vertrauen, dass ich durch die angenommene Hilfe nicht meine Souveränität verliere.

„The Art of Asking: Wie ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und lernte, mir helfen zu lasse“ von Amanda Palmer, übersetzt von Viola Krauß – Eichborn Verlag – ISBN 978-3-8479-0597-4 – 16,99 Euro.