[Gelesen] Unorthodox von Deborah Feldman

Titelbild Unorthodox Deborah Feldman

Ich lese gerne Geschichten, egal ob rein fiktiv oder aus der Realität geboren, die mir von Menschen erzählen, die tiefgreifende Transformationsprozesse erleben oder irgendetwas erleben und dieses Erleben reflektieren, und darauf aufbauend weiter gehen, lernen und sich immer (noch) auf das Leben einlassen. Geschichten von Menschen, die das Leben von innen, von außen, von oben und von unten betrachten und die gleichzeitig, etwas in mir selbst zum Klingen bringen.

Deborah Feldman hat mit Unorthodox ein Buch geschrieben, das in diese Kategorie fällt. Sie wächst in einer der weltweit strengsten jüdisch-orthodoxen Gemeinden in Williamsburg, New York auf.  Die Mitglieder der Satmar Gemeinde leben streng nach ihren eigenen Regeln, sie schotten sich von der restlichen Gesellschaft ab und leben in ihrem eigenem System. So werden Ehen arrangiert, wobei sich die Frau gänzlich dem Willen des Mannes beugen muss. Auch Sexualität ist ein absolutes Tabuthema. Sie sprechen Jiddisch, da Englisch als unreine Sprache gilt.

„Zeidi sagt, die englische Sprache wirke wie ein langsames Gift auf die Seele ein. Sollte ich sie zu viel sprechen oder lesen, würde meine Seele derart trüb werden, dass sie nicht länger für göttliche Reize empfänglich wäre.“ (S. 110)

Im Grunde dreht sich der gesamte Alltag der Gemeindemitglieder darum Gott durch regelkonformes Verhalten gnädig zu stimmen, Unreinheit zu vermeiden bzw. rein zu werden.

Da Deborah Feldmans Eltern nicht für ihre Tochter sorgen können, wächst sie bei ihren Großeltern Zeidi und Bubby auf. Beide sind Holocaust-Überlebende, was das Aufwachsen für die Autorin nicht unbedingt einfacher macht. Im Vergleich zum erlebten Leid ihrer Großeltern, erscheinen ihr ihre Probleme als nahezu nichtig.

Gleichzeitig entwickelt die Autorin eine offene Neugier auf das Leben und seine Hintergründe. Auch wenn sie ihre Fragen und Gedanken nicht laut aussprechen darf, existieren sie in ihrem Kopf. Heimlich besorgt sie sich verbotene Literatur aus der Bücherei oder spart monatelang, um sich ein Buch zu leisten. Sie liest Geschichten und Sachbücher über das Judentum. Zuhause darf sie niemand mit diesen Büchern erwischen. Trotz dieser Gefahr bedeutet ihr diese Rückzugsmöglichkeit sehr viel, wo dieser gedankliche Raum doch der Motor ihrer Emanzipation ist.

„Ich bin machthungrig, aber nicht, um über andere zu herrschen; nur, um mir selbst zu gehören.“ (S. 108)

Bewertung

Als Leser_in begleitet man Deborah Feldman durch ihre Kindheit und Jugend, durch die schwierigen Jahre ihrer arrangierten Ehe und auf ihrem Weg in ein Leben außerhalb der Gemeinde.  Deborah Feldman schildert Höhen und Tiefen, erzählt von Rückschlägen und untermauert ihren Lebenslauf mit Informationen, die helfen, das System der Satmarer zu verstehen.

Mich hat es überrascht, dass Deborah Feldman und ich ungefähr gleich alt sind. Beim Lesen habe ich oft daran gedacht, was ich zur gleichen Zeit erlebt habe. Vielleicht bin ich naiv, aber ich hätte es vor der Lektüre von Unorthodox nicht für möglich gehalten, dass es  wirklich möglich ist, so abgeschottet von der Gesellschaft und ihres Einflusses zu leben. „Unorthodox“ hat mich beeindruckt und sehr bewegt. Es war nicht immer leicht, das Buch zu lesen und doch hat es sich eindeutig gelohnt.

„Unorthodox – eine autobiographische Erzählung“ von Deborah Feldman, Übersetzung von Christian Ruzicska – Secession Verlag – ISBN 978-3-905951-79-0 – 22,00 Euro.

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