Kategorie: Gedankensalat

Damals in der Grafton Street…

Collage aus Fotos

Die Erinnerungen sind flüchtig. Sie kommen und gehen, manchmal überraschen sie mich und ich erinnere jedes Detail. Dann ist sie sie bunt, die Erinnerung. Ich kann sie förmlich riechen und schmecken und bin fast ganz dort, an diesem Punkt in der Vergangenheit.

Als ich vor ungefähr elf Jahren ein paar Monate in Dublin, Irland verbrachte, war ich viel in der Stadt unterwegs und habe nahezu kein Museum ausgelassen. In der letzten Woche überkam mich ganz plötzlich eine meiner liebsten Erinnerungen aus dieser Zeit.

Der Himmel war grau-blau eingefärbt. Das Licht angenehm hell, nicht zu dunkel. Es regnete nicht und es war nicht kalt, aber auch nicht warm. Wie so oft am Wochenende hielt ich mich im Stadtzentrum auf und schlenderte durch die Grafton Street, einer der Haupteinkaufsstraßen Dublins. Doch nicht nur die Geschäfte lockten mich in die Fußgängerzone. Es gab einen Musiker der immer mal wieder „Good Riddance (Time of your Life)“ von Green Day sang. Dieser Moment sorgte jedes Mal für Gänsehaut. Der Musiker sang noch viele andere Lieder, ich erinnere mich jedoch nur an dieses Lied so deutlich. Zwei- oder dreimal hatte ich das Glück zur gleichen Zeit wie er in der Grafton Street zu sein und jedes Mal blieb ich stehen.

Another turning point,
a fork stuck in the road
time grabs you by the wrist,
directs you where to go
so make the best of this test and don’t ask why
it’s not a question, but a lesson learned in time
Beginn von Good Riddance (Time of your Life) von Green Day

Das Abitur gerade in der Tasche, mit gefühlt 1000+ Möglichkeiten vor mir, stand ich ratlos dort und hörte ihm zu. Ohne zu fragen oder denken. Ich hörte einfach zu und vielleicht ist das eine der Gründe weshalb mir gerade diese Erinnerung noch so lebhaft vor Augen steht. Vor elf Jahren grübelte ich viel über die Zukunft nach: Was soll ich werden? Wie soll mein Leben aussehen? Was ist richtig? Was nicht? Wohin soll die Reise gehen?

Die Zeit stand still, ich stand still – denn das Grübeln brachte mich nicht weiter. Zerrte die Zeit auch an meinem Arm? Vielleicht. Erinnerungen verändern sich im Laufe des Lebens; man selbst verändert sich ja auch. Fragen stelle ich mir noch immer. Ich frage mich gern und werfe Fragen auf. Die Antwort ist bei manchen Fragen eher von zweitrangiger Bedeutung, da ist es mir wichtiger, dass die Frage im Raum steht und das Fragezeichen groß und gewichtig im Weg steht. Das mich das Fragezeichen an die Existenz der Frage erinnert. Wegen der Offenheit, wegen der Möglichkeit und dem was dadurch entstehen kann.

Mit der Zeit verblassen die Fragen, lösen sich auf oder die Antworten schleichen sich ins Leben. Heute allerdings würde ich nicht mehr fragen, was ich werden soll. Wie dieses „sollen“ aussieht bestimmen meist andere und nicht man selbst. Es wird einem dann aufgedrückt und dann hat man schön in dieses „soll“ reinzupassen. Ich frage mich sattdessen lieber, was ich denn möchte, was mir wichtig ist und was ich mir unter einem guten oder gelungenem Leben vorstelle.

Manchmal passiert das Leben aber auch so schnell, da bleibt gar keine Zeit zum Fragen stellen, da passiert es einfach. Wenn es wieder ruhiger wird, Zeit ist für die Tasse Tee (nur die Tasse Tee ohne weitere Ablenkung) und die Reflexion beginnt, zeigt sich der Sinn oder auch der Un-Sinn des Lebens. Und weißt du Bescheid (oder auch nicht.)